Hier werden ganz private Meinungen aus der Mitte unseres Teams und unserer Leser wiedergegeben.

Buch des Monats Dezember 2017

Velma Wallis: Zwei alte Frauen, Piper Verlag, 2005, 128 Seiten

Im tiefsten Winter im hohen Norden Alaskas wird ein Nomadenstamm von einer großen Hungersnot bedroht. Um sein Volk zu retten, geschieht das, was seit Menschengedenken in derartigen Situationen geschehen ist. Während der Stammeshäuptling mit dem gesamten Stamm aufbricht, um in bessere Jagdgebiete zu gelangen, werden die beiden ältesten Frauen als „unnütze“ Esser, dem sicheren Hunger- und Erfrierungstod ausgeliefert, zurückgelassen. In berührender Art und Weise erzählt die Autorin die von ihrer Mutter über Generationen hinweg überlieferte Geschichte ihres Stammes und das dieser beiden Frauen. Es geschieht nun nämlich  das vollkommen Unvorstellbare. Wie diese beiden alten  Indianerfrauen, die bislang nur über sich, ihr Alter und ihre kleinen Wehwehchen geklagt haben, nach Überwindung ihres Schocks und ihrer Angst sich auf uralte längst in Vergessenheit geratene Fähigkeiten besinnen und sich an die Geschichten der Alten aus ihrer Kindheit über das Leben in der Wildnis erinnern und dadurch Kräfte in sich mobilisieren, die sie selbst nicht für möglich gehalten haben, ist einfühlsam und anrührend. Mit jedem Gelingen eines noch so kleinen Schrittes, der ihr Überleben sichern soll, werden sie mutiger und meistern letztlich auf diese Weise noch so unmöglich scheinende Strapazen. Ein absolut positives, Mut machendes Buch für jedermann, lesenswert.

 

Adriana Altaras: Doitscha, Kiepenheuer und Witsch Verlag, 2014, 272 Seiten

Hat sich Adriana Altaras in „Titos Brillle“ ihrer Familie, ihren Eltern und Verwandten gewidmet, erzählt sie in diesem Buch über den ganz normalen Familienwahnsinn einer Familie mit zwei Kindern, hier allerdings ins unermessliche gesteigert in der gemischt westfälisch/jüdischen Konstellation mit zwei arg pubertierenden, renitenten Söhnen.

Ein ganz ruhiger Ehemann, westfälisch eben, eine impulsive jüdische Mutter und zwei halbwüchsige Jungen, die sich mit aller Macht an den Eltern, besonders an ihrer Mutter reiben wollen.

Mit Witz, Charme und Schlagfertigkeit, die wir schon in Titos Brille kennengelernt haben, zeigt uns die Autorin, wie die Beteiligten ihren Alltag meistern, mal gut, mal weniger gut und bringt uns so turbulent und witzig, rasant aber voller Lebensfreude ein Porträt deutsch-jüdischer Gegenwart nahe, wobei Freunde und wichtige Ereignisse nicht zu kurz kommen.

 

Buch des Monats Oktober 2017

Adriana Altaras: Titos Brille, Kiepenheuer und Witsch Verlag, 2011, 272 Seiten

 

Die Schriftstellerin Adriana Altaras in Berlin zu Hause mit einem „westfälischen“ Ehemann und zwei halbwüchsigen, renitenten Söhnen, ist mit sich und ihrem Umfeld zufrieden, immer voll in Aktion, immer lebensbejahend und etwas chaotisch, genießt sie das Leben in vollen Zügen.

Nach dem Tode der Eltern ist sie gezwungen, voller Trauer und wehmütig, deren Wohnung aufzulösen. Ausgelöst durch das Ausräumen und Auflösen der Wohnung nach deren Tod wird sie durch die Sichtung der alten Fotos, Briefe und Unterlagen mit deren Vergangenheit konfrontiert und begegnet Familiengeheimnissen. Mit den vorliegenden Privatunterlagen der Eltern erzählen ihr die Toten ihre Geschichte sowie die des gesamten Familienclans.

Mit viel Witz und Charme, aber auch augenzwinkernd schreibt Adriana Altaras voller Esprit, aber auch Liebe zu ihren Eltern, von deren Leben, deren Krisen, Widrigkeiten und Absurditäten, vom Exil, irrwitzigen jüdischen Festen, herrlich chaotisch, anrührend und liebevoll.

 

Buch des Monats September 2017

Mechtild Borrmann: Trümmerkind, Droemer Knaur, November 2016

Der kleine Hanno Dietz schlägt sich mit seiner Mutter im eiskalten Nachkriegswinter 1946/47 in Hamburg durch. Brennholzsammeln, Steineklopfen, Altmetall suchen, Schwarzmarkt sind seine Welt.

 

Eines Tages findet er in den Trümmern eine tote Frau und in der Nähe ein etwa 3-jähriges Kind. Er nimmt es mit nach Hause, da es sonst erfriere würde und erzählt niemandem, auch nicht seiner Mutter, von dem grausigen Fund. Da niemand das Kind, das kein Wort spricht, zu vermissen scheint, wächst es bei der Familie Dietz in Hamburg auf.

 

Als Leser begleitet man natürlich die Familie Dietz mit dem Findelkind durch die Jahre. Es gibt aber auch Rückblenden auf das Schicksal einer anderen Familie, die ein Gut in der Uckermark besitzt und in der Endphase des 2. Weltkrieges vor den Russen flieht. Nach der Wende erfährt in Köln eine junge Frau, dass ihre Mutter in der Uckermark ein Gut besessen hat und macht sich auf die Suche danach.

 

Die Autorin erzählt in diesem Roman ein Stück Zeitgeschicht, das wir nicht vergessen sollten, verpackt in eine berührende Familiengeschichte. Es gelingt ihr, diese Geschichte so spannend zu erzählen, dass man das Buch kaum aus der Hand legen möchte.

 

 

 

Buch des Monats August 2017

Katja Kettu: Feuerherz, Ullstein Verlag, Berlin 2017, 432 Seiten

Irga, eine junge schwangere Frau aus Finnland, flieht 1937 vor ihren eigenen Leuten, die sie mitleidslos jagen,  zu ihrem russischen Freund, der sie gerufen hat und für sie sorgen will. Dieser verrät sie jedoch und sie landet letztlich in den Fängen des Gulag. Auf dem Weg ins Arbeitslager trifft sie die Russin Elena, die ihr zeitlebens eine Freundin, fast eine Schwester wird, aber Irga erlebt eine schier untragbar menschenunwürdige Zeit.

2015, also 78 Jahre später, sucht Verena aus Schweden ihren Vater, der sich in Russland aufhält und sie gerufen hat. In Russland angekommen findet sie ihren Vater nur noch tot an und sie weiß nicht, wie er ums Leben gekommen sein könnte, will es aber unbedingt herausfinden. Sie lernt die Alte Jelena kennen, die mit einer „verrückten“ Frau in einem Haus zusammenlebt.

Trotz der Zeit, die zwischen den beiden Frauen liegt, gehören die Geschichten beider Frauen zusammen, erzählen von Verrat, Mord und Geheimnissen  und mit dem Wissen der beiden Alten kann Verena ihre eigene schmerzliche Geschichte klären.

Es ist sehr spannend und mit kraftvoller Sprache von Katja Kettu erzählt, aber wegen der oft sehr drastischen Beschreibung der “Gulagzeit“ auch ziemlich grausam.

 

Buch des Monats Juli 2017

Rafik Schami: Sophia, Hanser Verlag, 2015, 480 Seiten